Abhängig?

Who cares? [Matratzen der Existenz]

bis

Kuratorium: Mirjam Bayerdörfer und Valerie Keller

 

 

Die Matratze widerspiegelt die wechselseitige Konstituierung von Machtformen, Wissenspraktiken und Subjektivierungsprozessen. In Bezug auf den physischen und sozial-politischen Körper erweist sich die Matratze als prägend und geprägt zugleich. Sie ist ein Medium der sozialen Reproduktion, aus dem die Körper sowohl leiblich-fleischlich als auch sozial hervorgehen. Als ein Inbegriff von Präsenz und Körperlichkeit, ist sie auch zentrale Agentin des Biopolitischen. Durch sie, in und auf ihr äussert sich Normierung und Normalisierung in Subjektivierungsprozessen: Öffentliches und Privates, Staat und Individuum, Verbot und Genuss, Anwesendes und Abwesendes, Einschluss und Ausschluss in Konflikt oder befördern einander. Matratze, Körper, Präsenz scheinen ein bruchlos verknüpfbares Entanglement zu bilden. Oder anders gesagt, die durch Schlafen, Ruhen, Gebären, Lieben, Quälen, Faulenzen, Genesen und Sterben und Zustände wie Halbschlaf, Traum, Orgasmus, Nichtstun konstituierte und konstituierende Matratze ist in der Generierung der Existenz ein zentrales Objekt.

Existenz lässt sich jedoch nicht ohne Abhängigkeit denken. Eine der zentralsten Abhängigkeiten in unserem Leben stellt die gegenseitige Fürsorge dar. Vom ersten bis zum letzten Atemzug sichert die Fürsorge unsere existentiellen Grundbedürfnisse. Doch anstelle die Deckung der Grundbedürfnisse aus der Perspektive der Sorge zu sehen, sehen wir sie der Arbeit unterworfen. Im Vordergrund steht unsere individuelle und individualisierte Arbeitskraft, die uns in die Lage versetzt unsere Bedürfnisse zu decken. Nicht die sorgsame Herstellung dessen, was uns am Leben hält, durch und in Verbindung mit anderen Existenzen. Die Schnittstelle von Arbeit und Fürsorge findet sich in der Sorgearbeit, die mal bezahlt, mal unbezahlt, jedoch meistens von Frauen* ausgeübt wird. Oft auch mit migrantischem Hintergrund und damit mehrfach von verschiedenen Marginalisierungsprozessen betroffen. Da die Aufgaben der Sorgearbeit (Umsorgen, Betreuen und Pflegen) eine nicht ökonomisierbare Zeitdauer benötigen, werden sie missachtet und finden in der kapitalistischen Gesellschaft kaum Anerkennung. Während unsere Abhängigkeit von der Fürsorge weitaus existenzieller ist, als die von der Arbeit, wird letztere mit deutlich grösserem Stellenwert verhandelt. Die Sorgearbeit ist oft unterbezahlt, obwohl sie wesentliche Aufgaben für den Erhalt einer Gesellschaft umfasst. Zudem zeigt sich das problematische Verhältnis aus Arbeit und Fürsorge beispielhaft an der Sichtbarkeit der beiden. Obwohl die Arbeit deutlich mehr Schaden im existenziellen Netz anrichtet, wird die Fürsorge zum Verschwinden gebracht. Sie wird oft in Institutionen ausgeübt, in denen sich bestimmte Ausschlussmechanismen manifestieren. Die Sorgebedürftigen sind die Ausgeschlossenen, die Unsichtbaren, oft die Unerwünschten, anders nicht mehr tragbaren, von psychischen und physischen «Devianzen» Betroffene. Die Matratze lässt sich symbolhaft für dieses Missverhältnis sehen. Einerseits findet sich in ihr eine lebenslange Begleiterin als Stätte der Ruhe, des Rückzugs, der Zärtlichkeit, der Sexualität, der Krankheit, des Gebärens, des Sterbens, der Trauer etc. Andererseits findet sich zu fast jeder dieser Funktionen eine Institution, für die die Matratze ein zentrales Element ist. Vom Krankenhaus über die psychiatrische Klinik, das Kinderheim, das Asylzentrum bis zum Bordell. Gleichsam von der Institution umschlossen, hinterlässt jede*r auf der Matratze einen individuellen Abdruck, wie auch immateriell die eigene Geschichte.