Das Hospiz der Faulheit ist eine Plattform, die 2015 von Aktivist*innen, Gastgeber*innen,   Kritiker*innen, Künstler*innen, Kurator*innen, Texter*innen und Theoretiker*innen gegründet wurde. 
Sowohl die inhaltlichen Schwerpunkte als auch die Namensgebung beziehen sich auf eine Idee von Marcel Duchamp. Er wollte ein „Hospiz für erwachsene Faule / Waisenhaus für junge Faule“ eröffnen, in dem nur Leute aufgenommen werden, die sich bereit erklären «nie zu arbeiten». Duchamp’s Definition von Faulheit verweist nicht auf das dichotomische Verhältnis  von Faulheit – als Unproduktivität/Untätigkeit verstanden – und Arbeit, sondern auf die „Verweigerung der Arbeit“ über die Standartdefinitionen der Arbeit hinaus. Bezugnehmend auf Duchamp’s Begriff der „faulen Handlung“ geht es auch uns nicht darum, ein weiteres  Gegensystem zu erstellen, indem die Faulheit auf die Verweigerung der Lohnarbeit reduziert wird, sondern um die Suche nach einer konstituierenden ethisch-politischen Praxis, welche uns aus der Verwertungslogik von Produkt, Produktivität, Produktion und Produzent*innen befreien könnte. Es ist eine Suche nach einer gemeinsamen Praxis, sich den Funktionen, Rollen und Normen der kapitalistischen Gesellschaft nicht zu unterwerfen. Es geht um das Begehren des „nicht so regiert werden wollen“ und die Frage wie „die Zeit gemeinsam gelebt werden kann“.
 
Auf der Suche nach dieser Praxis gehen wir aus vom heterotopischen Potential der temporären autonomen Zone und versuchen gemeinsam mit allen Beteiligten Situationen zu erschaffen, in welchen nicht nur die Selbstverständlichkeiten und Wahrnehmungen von bestehenden Zeit- und Handlungsregimen befragt werden können, sondern auch Alternativen verhandelt und gleichzeitig erfahrbar werden.

Durch den Fokus auf ein kontinuierliches Wachstum und der ständig verfügbaren Mittel der Re-Produktion, werden weder die erstarrten Formen der Arbeit noch die durch sie versprochene Glückseligmachung hinterfragt. Erschwerend kommt hinzu, dass in der heutigen Gesellschaft jeder Bereich des Lebens als verfügbares Potenzial begriffen wird, das es ohne Rücksicht auf Verluste auszuwerten gilt, um einen ökonomischen Nutzen zu generieren. Von daher ist es kaum erstaunlich, dass die Musse zur bedrohten Ressource geworden ist.

 

Anlässlich der als Beschleunigung erlebten Ausdehnung der kapitalistischen Ökonomie des 21. Jahrhunderts von der klassisch definierten materiellen Ressource in die Bereiche des Wissens und der sozialen Reproduktion, brechen wir unter immer dichter werden Terminkalendern, pausenlosen Weiterbildungs- und Optimierungsprogrammen zusammen. Infolge elektronischer Kommunikationsmittel und sozialer Medien sind wir dabei allzeit erreichbar und unterstehen dem Zwang zur Dauerkommunikation. In der Produktion des "Selbst" befinden wir uns in einem Zustand der permanenten Evaluierung und üben eine unentwegte Selbstkontrolle aus.

 

Die berufliche Karriere stellt zurzeit einen entscheidenden Faktor dar, wie die Bio-Ware Mensch innerhalb der Gesellschaft rezipiert wird. Gekoppelt an die immer aggressiver werdenden Vorstösse der Privatwirtschaft, in lang erkämpfte sozialstaatliche Bereiche, verlieren Menschen ohne Arbeit jede gesellschaftliche Anerkennung und einige sogar die Grundlage ihrer Existenz. Da die Lohnarbeit aufgrund dieser Tatsachen zum Lebensinhalt schlechthin geworden ist, dient sie längst nicht mehr nur zum Mittel der Existenzsicherung, sondern darüber hinaus als Mittel der Disziplinierung.

 

Dennoch hat das Vorantreiben der neoliberalen Programme der führenden Wirtschaftsmächte, die tiefgreifenden strukturellen Probleme (Finanz- und Haushaltskrisen, marodes Gesundheits- und Rentensystem etc.) keineswegs gelöst, sondern vielmehr verschärft. Der zeitgenössische Ruf nach einer Rückkehr zur keynesianischen Form der Weltwirtschaft, lässt jedoch die Tatsachen ausser Acht, dass die Bedingungen des Fordismus schon lange nicht mehr existieren. Es lässt sich kaum mehr leugnen, dass das einstige Versprechen von Wohlstand und Sicherheit durch Arbeit an Glaubwürdigkeit verloren hat.

 

Da wir nicht bereit sind unsere Ressourcen an erstarrte Systeme zu verschwenden, ist es an der Zeit, jenes, alle Lebensbereiche durchdringende Dogma der pausenlosen Reproduktion gründlich zu hinterfragen. Bereits die Denker*innen der Antike wussten, dass der angesprochene, verinnerlichte Übereifer und die tägliche Hetze in einem machtbestimmten, auf Überlegenheit und Kontrolle ausgerichteten Leben, mit der Musse und ihrem Potenzial unvereinbar sind.

 

Deshalb erschaffen wir im Hospiz der Faulheit jeweils eine temporäre autonome Zone, die es uns zwar nicht ermöglicht dem leistungsindoktrinierten Spektakel für immer zu entkommen, aber dennoch einen Zwischen- und Spielraum entstehen lässt, indem wir bestimmten Erwartungen und Normen mit rhizomatischer Beweglichkeit entgegen trotzen.

 

Dabei geht es uns nicht darum ein weiteres Gegensystem zu erstellen, sondern durch die Möglichkeit der Zeitverschwendung und gegenseitigem Schenken von Zeit - genau das Gegenteil von fixen Identitäten – durch ethisch-politische Mikropraktiken und sozialer Imagination gemeinsam nach Alternativen zu forschen. Nicht langsamer sondern anders.